Wie Nemo zu uns kam
Nemo war ein 14,5 Jahre alter Bichon Frisé. Sein Herrchen war gestorben, sein Frauchen musste ins Pflegeheim.
Er wurde von der Tierärztin aus der Praxis übernommen, in der er die ganze Zeit behandelt worden war. Sie versuchte, ihn zu vermitteln. Er war schon zweimal zurückgekommen. Wir sahen ihn und dachten: Okay, das passt. Wir wussten nicht, was auf uns zukam. 😊
Als wir ihn besuchten und die Tierärztin begrüßten, kam irgendwoher ein recht tiefes Bellen. Wir hatten einen kleinen Bichon Frisé erwartet, so irgendwo zwischen sechs und sieben Kilo.
Dann kam Nemo um die Ecke: circa 11,5 kg Hund mit einer entsprechend tiefen Stimme. Wir durften mit ihm Gassi gehen – okay, er ging mit uns. Es interessierte ihn nicht wirklich, wer da am Ende der Leine hing.
Es war der 1. Mai 2019. Es hieß, er solle noch ein paar schöne Monate haben. Er brauchte Kortison und Steroide wegen seiner Rückenprobleme.
Wir nahmen ihn mit. Er lag wie selbstverständlich auf der Rückbank und genoss die Fahrt. Nemo hatte niemals Probleme mit dem Autofahren. Ganz im Gegenteil: Er schaute oft hinaus und genoss den Ritt in der Blechkiste, wie wir das Auto fortan in seinen Berichten nannten.

Ein Hund mit eigenem Kopf
Wir richteten uns auf ihn ein, aber er nicht so wirklich auf uns. Wenn ich nicht da war, pinkelte er in die Wohnung. Zu der Zeit musste ich noch im Büro arbeiten. Er schnappte nach Marion und vieles mehr.
Mithilfe der Tierärztin, die uns Tipps gab, bekamen wir das in den Griff. Tatsächlich war es eine Sache, die ihn hart traf. Uns wurde geraten, dass ich, wenn ich heimkomme, Marion in den Arm nehme, ohne ihn zu beachten. Das versuchten wir beim nächsten Mal. Ich begrüßte Marion ausgiebig vor seinen Augen und ignorierte ihn. Er war ziemlich sauer und verschwand. Als er wiederkam, war der Spuk vorbei. Kein Schnappen mehr, kein Pinkeln mehr. Dafür diskutierte er täglich mit mir, wer der Chef ist und ob er meine Kommandos denn wirklich befolgen muss. 😁
Nemo war kein Schmuser. Umso wertvoller waren die Momente, in denen er das Schmusen doch kurzzeitig zuließ. Meist dauerte es höchstens eine Minute, dann war es ihm wieder genug. In dieser Hinsicht war er das komplette Gegenteil von Pixel.

Wir gingen in viele Facebook-Gruppen, vor allem für seine Rasse, um zu lernen. Wir fanden viele liebe Menschen, die uns Tipps gaben, und ich begann, seine Erlebnisse aus seiner Sicht in kurzen Beiträgen aufzuschreiben. Aber jedes Mal musste ich das Gleiche in mehreren Gruppen posten, und der Tierarztpraxis gaben wir auch immer Bescheid. Irgendwann entschloss ich mich, eine Facebook-Seite zu erstellen, dort zu posten und die Beiträge in den Gruppen zu teilen. Denn was ich schrieb, kam ganz gut an, und ich hatte durch Nemo meine alte Leidenschaft, das Schreiben, wiedergefunden.
So gründete ich am 24. November 2019 die Seite.
24. November 2019 · Sein erster Facebook-Beitrag
Gestatten, ich heiße Nemo.
Das hier war sein erster Beitrag:
Gestatten, ich heiße Nemo,
aber ihr könnt mich rufen, wie ihr wollt. Ich hör eh nix mehr, bin 80 Jahre alt und genieße bei diesen zwei komischen Zweibeinern meinen Altersruhesitz. Wenn ich daheim bin, belle ich gerne mal aus Freude, aber sonst mag ich es eher ruhig. Außer der große Mann geht mit mir raus, denn ich laufe gerne und lese extrem gerne die Hundezeitung. Manchmal mag das der große Mann nicht. Scheinbar hat er nicht genug Geduld, wenn ich jede Kontaktanzeige bis zum Schluss lesen will. Wenn ich Hunger habe und es gibt nicht gleich was, mache ich das Frauchen auch mal mit ein wenig Gebell darauf aufmerksam. Der Große fährt mir ständig mit der Hand durch mein Fell. Das ist meist ganz angenehm, aber er ist da manchmal so penetrant, dass ich mich doch lieber woanders platziere. Ich kriege hier extra nettes Futter. Daraufhin werden meine Allergien weniger, und außerdem macht Frauchen mir immer tolle Sachen wie gekochte Möhrchen, Brokkoli und Kartoffeln. Aber Fleisch will ich natürlich auf jeden Fall.Manchmal macht der Große die Tür nicht rechtzeitig auf, wenn ich meinen Toilettengang machen will. Dann renn ich ihm oder Frauchen so lange zwischen den Beinen rum, bis sie es endlich merken.
Ich verstehe nur nicht, warum der Große, nachdem ich meine Toilette gemacht habe, immer noch so weit läuft. Aber gut, auch in meinem Alter hält Bewegung ja fit.
Wenn wir dann zurückkommen, habe ich immer dolle Hunger, und der Große macht so langsam die Tür auf. Dann renne ich ganz schnell zu meinem Teller und belle gleich mal Frauchen an, dass sie da ja was Ordentliches reinmacht.
Die Portionen könnten echt größer sein. Ab und zu steckt mir der Große noch eine kleine Extraportion zu, aber echt: Meint der, davon wird man satt? Komische Leute sind das.
Am tollsten finde ich aber mein Bett und den tollen weißen Teppich. Der sieht fast aus wie ich. Da lässt es sich gut ausruhen. In meinem Alter will man ja auch mal relaxen.
Wenn mich der Große und Frauchen in diesen blauen Blechkasten verfrachten, mit dem sie immer geschäftig irgendwohin fahren, ist das richtig toll. Das vibriert so, da kann ich auch toll entspannen.
Außerdem betätigen sich der Große und Frauchen ab und zu als Friseure und versuchen, meine tollen Haare in Form zu bringen. Sind halt keine Profis, die zwei. Damit werde ich wohl leben müssen.
Im Großen und Ganzen ist es ganz okay hier.
Ich hatte halt keine gescheite Altersvorsorge, sonst würde ich mir was Besseres leisten – vor allem etwas, wo die Portionen größer sind.
Ich melde mich dann mal irgendwann wieder und erzähle euch, wie es hier weitergeht.
Grüße, euer Nemo

Wie Nemo zum Drachenhund wurde
Kurz darauf entstand sein Beiname: der Drachenhund. Wir wohnten zu der Zeit im Lautertal in Hessen an der Bergstraße. Das ist keine Straße einer Adresse, sondern der Name der Region.
In dieser Gegend spielt auch das Nibelungenlied mit all seinem Drama um Siegfried, den Drachentöter, Hagen von Tronje, Kriemhild, Gunther und wie sie alle noch heißen. Ich liebe die Geschichte des Nibelungenlieds. Wir besuchten viele Burgen, und es gibt dort auch viele Hinweise auf Drachen – zum Beispiel das wunderschöne kleine Drachenmuseum in Lindenfels.
Auf jeden Fall schrieb ich einige Geschichten mit ihm rund um dieses Thema, und so war sein Beiname geboren. Er hatte noch mehr Namen und Beinamen: Nemokrates, eine Mischung aus Nemo und dem griechischen Philosophen Sokrates, weil er durch mich so gerne philosophierte. Auch der Beiname „Nemo, der Poeter“ war eine Mischung aus Poet und Köter, da er durch mich auch Gedichte verfasste. Die „Hunderegel des Tages“ wurde irgendwann zu etwas, das seine Leser und Follower liebten: ein kleiner Vierzeiler im Paarreim, meist frech geschrieben.
Ein Beispiel:
Wenn der Große sich von der Couch erhebt,
er sicher in die Küche strebt.
Dort frisst er dann den Kühlschrank leer.
Ich renn ihm nach: Gib mir was her!

Nemo liebte Ausflüge, und wir waren viel mit ihm unterwegs – immer entsprechend seiner Konstitution. Er bekam dann auch den ersten unserer Hundebuggys, den später Pixel übernahm.
Abschied und das, was bleibt
Am 21. April 2021 war es dann leider so weit. Wir kämpften schon seit Wochen massiv mit seinen gesundheitlichen Problemen. Sein Magen-Darm-Trakt und auch die anderen Organe waren durch seine Medikation und natürlich das Alter angegriffen. Er brach auf dem Weg in die Küche zusammen und urinierte unter sich.
Seine liebe Tierärztin kam nach unserem Anruf sofort vorbei. Wir ließen ihn auf seiner Lieblingsdecke, von uns umarmt, über die Regenbogenbrücke gehen. Seine Urne steht heute in unserer Gedenkecke mit anderen Andenken an ihn.

Wir werden Nemo, den Drachenhund, nie vergessen.
Als Pixel zu uns kam, setzte ich Nemo als Pixels Traumbegleiter und Wächter der Regenbogenbrücke ein. So lebt Nemo bis heute in Pixels Geschichten fort.
Jetzt, wo auch Pixel bei ihm im Regenbogenland ist, sind sie endgültig zusammen.
Rainer aka „der Große“
